Bildung– Herausforderung und Chance im 21. Jahrhundert - Rede auf dem LDT 2009 in schriftlicher Form von Prof. Dr. Marianne Assenmacher, Präsidentin der Hochschule Vechta
24/10/2009

Es ist ein Thema, dass in der aktuellen Diskussion erneut einen herausragenden Stellenwert eingenommen hat. Dies zeigt auch Ihr Schwerpunktthema heute und zwar jenseits von Schule, Hochschule und Bildungseinrichtung. Auch wenn wir alle mit‚PISA’ in Deutschland nicht glücklich waren und sein können, so haben die Pisaergebnisse und verschiedene andere Vergleichsstudien einen deutlichen Anstoß gegeben. Politik, Parteien, Verbände als auch Öffentlichkeit sprechen wieder über Bildung; über die Bedeutung von Bildung für den einzelnen und die Gesellschaft; über die Bildungseinrichtungen, ihre Qualität, ihre Probleme und ihre Kosten; und damit über die gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und pädagogischen Anforderungen und wie sich die individuelle Bildungsansprüche und Zukunftsfragen der Gesellschaft vereinbaren lassen. Es geht im Kern um die Frage, welchen Beitrag Bildung zur Lösung der immer drängender werdenden Probleme unserer globalisierten Weltgesellschaft leisten kann und muss. Welche Bildung brauchen Menschen in den älter werdenden westlichen Gesellschaften und mit gleichzeitig globalisierten Arbeitsprozessen - und zwar Junge und Alte? Wie werden wir heute und zukünftig mit der Informationsflut und immer wieder neuen Informationstechnologien fertig? Welche bildungspolitische Dimension hat die Kluft zwischen Arm und Reich, zwischen unterschiedlichen Kulturen und auch Religionen in der Welt? Diessind nur einige wenige Fragen. Sie zeigen Bildung ist eine der Schlüsseldisziplinen unserer Zeit, die über unsere ökonomische, kulturelle, soziale und auch politische Zukunft wesentlich mitentscheiden wird; über Wohlstand in einem demokratischen, gerechten und sozialem Gemeinwesen; über die Zukunftsfähigkeit unserer Gesellschaften. Die UNESCO hat das 21. Jahrhundert zum Bildungsjahrhundert erklärt unter dem Motto Lernfähigkeit: Unser verborgener Reichtum. Unter dem Vorsitz von Jacques Delors wurde von der UNESCO ein Bericht erarbeitet, der im Ergebnis ein Vier-Säulen-Modell als Antwort auf die Bildungsbedürfnisse des 21. Jahrhunderts auf nationaler und internationaler Ebene vorschlägt: Lernen, Zusammenleben; Lernen, Wissen zu erwerben, Lernen zu Handeln; Lernen für das Leben. Als Fundament wird eine breit angelegte Grundbildung gesehen, die vor allem die Fähigkeit zu lebensbegleitendem Lernen vermitteln soll.

Dieses Leitbild in konkrete Maßnahmen umzusetzen ist die Herausforderung für Politik, Wirtschaft, Gesellschaft und jedem einzelnen von uns.
Die Entwicklung der kommenden Jahrzehnte wird gekennzeichnet sein durch eine weitere Individualisierung der Arbeit, eine weltweit veränderte Arbeitsteilung zwischen Industrie und Dienstleistungen mit einem zunehmenden Bedarf an Arbeitskräften, bei uns insbesondere im Dienstleistungssektor. Über 70% unserer Arbeitsplätze sind heute schon im Dienstleistungsbereich angesiedelt. Der immer schnellere Wandel der Wissensbasis, Stichwort Wissensgesellschaft, die Orientierung unserer Wirtschaft auf internationale Märkte, die wachsende Bedeutung von Technologie und Innovationsfähigkeit macht eine generelle Höherqualifizierung der Arbeitskräfte in unseren westlichen Gesellschaften erforderlich, um der Tendenz einer gesteigerten Nachfrage nach hoch qualifizierten und auch besser qualifizierten Arbeitskräften im Dienstleistungssektor zu begegnen. Dies stellt aber auch eine Chance dar: in Bereichen wie IT, Technik, Medien, Freizeitwirtschaft, Sozial-, Gesundheits- und Pflegediensten entstehen gerade auch für Frauen neue berufliche Felder und Beschäftigungsmöglichkeiten. Diese Entwicklung unterstützt die steigende Erwerbstätigkeit von Frauen, die auch jetzt schon teilweise eine Kompensation für die negativen Folgen der demografischen Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt darstellt. Der Anteil der Erwerbstätigen an der Bevölkerung wird allein aufgrund der Alterung der Gesellschaft zwischen 2010 und 2040 um durchschnittlich 0.7 % jährlich sinken mit langfristig zu erwartenden Wachstumseinbußen und Finanzierungsproblemen unseres Sozial- und Wohlfahrtssystems. Bildungspolitische Investitionen zur generellen Steigerung des Qualifikationsniveaus, Stichwort Fachkräftemangel, und damit zur Steigerung des Humankapitals unserer Volkswirtschaft müssen hierauf entsprechend reagieren.

Die Alterung unserer westlichen Industriegesellschaften ist verbunden mit der Zunahme gesellschaftlicher Heterogenität durch neue Lebensstile und vor allem dem Zusammenleben von Menschen mit unterschiedlichen kulturellen, sprachlichen und religiösen Hintergründen. Dies stellt noch einmal eine besondere Herausforderung für eine Integrationspolitik dar, die im Schwerpunkt weitere hohe, zielgerichtete Bildungsanstrengungen erfordert.

Mit diesem heute notwendigen Verständnis der Bedeutung von Bildung als Herausforderung und gleichzeitig Chance für die wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung in Deutschland wird, auch wenn das Gegenteil oft behauptet wird, immer noch angeknüpft an die traditionellen Bildungsziele der Aufklärung: Selbstbestimmung, Mündigkeit und Autonomie des Menschen im Blick auf verantwortetes Teilhaben und Partizipation am Gemeinwesen haben ihre zentrale Bedeutung behalten. Hinzu kommt eine subjektive Dimension, die Bildung des Geistes, der Vervollkommnung der Persönlichkeit und das Erlangen von Individualität, nicht nur ummaterieller Ziele willen, sondern um seiner selbst auch als Voraussetzung für den mündigen, selbständigen Bürger’.
Bildung ist von der Begrifflichkeit her mehr als eine Ansammlung von Wissen. Wissen ist nicht allein das Ziel der Bildung und ein inhaltlich orientierter Wissenskanon weder ausreichend noch der Situation des immer schnelleren Wachstums des Wissens angemessen. Wissen lässt sich eher als ein Hilfsmittel definieren im Rahmen eines aktiven, komplexen und nie abgeschlossenen Prozesses, in dessen Verlauf eine selbstständige und selbsttätige, problemlösungsfähige und lebenstüchtige Persönlichkeit entstehen kann. Hier löst sich der oft postulierte Gegensatz aufzwischen Bildung einerseits, orientiert an der Verwertbarkeit, Nützlichkeit und an ökonomischen Zwängen, und andererseits wird der aufgeklärte, selbständig denkende und urteilsfähige Mensch in den Mittelpunkt gestellt. Bildung ist im Gegensatz zu Ausbildung oder Berufsbildung nicht unmittelbaran ökonomische Zwecke gebunden, stellt aber die Voraussetzung für den Zugang zur ‚Berufs- und Standesbildung’ dar, wie Pestalozzi es formuliert hat.
Heute sprechen wir eher von Kompetenzen als Ziele von Bildung und Qualifikation, die wiederum auf die Entwicklung der Persönlichkeit, Teilhabe an der Gesellschaft und dafür ganz entscheidend auf Beschäftigungsfähigkeit zielen. Diese drei Dimensionen im Zusammenhang zu sehen, ist die große Herausforderung für alle Bildungseinrichtungen. Weg von einer statischen Wissensvermittlung hin zur Herausbildung von zentralen Kompetenzen mit Blick auf die ständige Erneuerung und Ergänzung von Kenntnissen und Fertigkeiten, verbunden mit Offenheit und Anpassungsfähigkeit. Talente und Fähigkeiten zu erkennen und zu fördern, Lernen als dynamische Lebensform zu begreifen, die Fähigkeit zum lebenslangen Lernen auf allen Stufen unseres Bildungssystems zu vermitteln. Hier sind alle Bildungsträger, d.h. Familie, Kindergarten, Schule, Hochschule, und Bildungsstätten gefordert.

Bildungspolitik muss sich heute am Leitbild des Lernens im Lebensverlauf orientieren. Sie muss den Bogen spannen von frühkindlicher Erziehung, Schule, beruflicher Bildung und Hochschule bis hin zur Fort- und Weiterbildung. Hierfür reicht nicht allein eine Steigerung der Bildungsinvestitionen, obwohl das Ziel der Steigerung des Bildungsetats der neuen Bundesregierung trotz der Konsolidierungsbedarfs des Haushalts,wie geplant, ausdrücklich zu begrüßen ist.

Ein leistungsfähiges und ergebnisorientiertes Bildungssystem muss eine Qualitätssteigerung zum Ziel haben. Hierzu gehören, zum Beispiel, ein früherer Lernbeginn, kürzere Lern- und Studienzeiten, geringere Abbrecherraten in Schule und Hochschule, qualifizierte Wiedereinstiegsangebote für Frauen in und nach der Familienphase.

Bildungspolitik, die den Individuen gesellschaftliche Teilhabe ermöglicht und zugleich den gewandelten Anforderungen des Wirtschaftslebens Rechnung trägt, legt damit die Orientierung auf Übergänge, Durchlässigkeit und zweite Chancen durch Anschlüsse und Abschlüsse und damit auf die Bildungsbiographie.
Lassen Sie mich einige, wenige Schlaglichter auf einzelne Phasen in diesem Zusammenhang werfen mit einem besonderen Fokus auf die Situation in Niedersachsen und auch vor dem Hintergrund der Erfahrungen, die wir aus der Hochschule -Universität- Vechta als Bildungseinrichtung einbringen können. Das wesentliche Profilelement meiner Hochschule, traditionell in der Lehrerausbildung in Niedersachsen eingebunden, orientiert sich bekanntermaßen an Fragen der Bildung im Lebenslauf oder, wie ich immer gern sage, Bildung und Ausbildung in derGeometrie der Lebensalter.


Unser aller Bildungsstart beginnt mit der Geburt, vielleicht auch schon früher. Auf jeden Fall in der Familie und in dem sozialen Umfeld, in das wir geboren werden. Hier werden die ersten Weichen gestellt für unsere Bildungsbiografie. Ergebnisse vielfältiger sozialwissenschaftlicher Studien zeigen, dass die Bildungsumgebung und damit auch die sozialen Bedingungen fürdie Entwicklung einer Lernatmosphäre ganz entscheidend sind für die weitere Entwicklung. Kinder von Akademikern haben, zum Beispiel, von Beginn an deutlich bessere Chancen. Damit sind wir bei der Frage von Bildungsgerechtigkeit im Sinne von Chancengleichheit. Dies heißt, dass die pädagogischen Institutionen sich auf die besonderen Fähigkeiten, Bedürfnisse und Defizite einstellen und entsprechend reagieren müssen. Bei ungleichen Startchancen geht es aus dieser Befähigungsperspektive, ein Begriff der Bildungs- und Wohlfahrtsforschung (im Rahmen des Befähigungsansatzes), unter anderem ein Forschungsansatz der an der Uni Vechta vertreten wird, weniger nur um die Gleichverteilung von Mitteln in der Sozialpolitik, sondern um differenzierte Angebote zur Verwirklichung von Chancengleichheit und zwar schon beim Start.
Womit wir bei der Frühkindlichen Bildung bilden, der Elementarpädagogik. In Deutschland existieren rund 50.000 Kindertageseinrichtungen im Krippen-, Kindergarten- und Gundschulalter. Das ist nicht nur eine gewaltige vorhandene Infrastruktur für Kinder, sondern zugleich, noch vor den Schulen, das insgesamt größte flächendeckende institutionelle öffentliche Angebot überhaupt, das in Deutschland existiert. Von 90 % der Kinder im Alter von 3 bis 6 Jahren werden diese Angebote in Anspruch genommen. Im Bundesländervergleich liegt Niedersachsen mit 84,1 % unter diesem Durchschnitt, die zweitniedrigste Teilhabequote. Bei den Kindern unter 3 Jahren lag die Teilhabe in Niedersachsen im Jahr 2007 bei 6,9 %, im Bundesdurchschnitt bei 15,3 %, in Westdeutschland bei durchschnittlich 10 %. Dass hier Handlungsbedarf bei den Betreuungsangeboten „u3“ besteht, ist erkannt. Dies zeigen die ehrgeizigen, familienpolitischen Ziele mit Blick auf den Ausbau der Tagesstätten. Ein Zuwachs von 2,3 % bundesweit und in Niedersachsen allein zwischen 2007 und 2008 ist ein Beleg dafür. Dies ist nebenbei bemerkt auch eine dringende Voraussetzung für die schon angesprochene weitere notwendige und gewünschte Integration von Frauen in das Berufsleben im Sinne der Vereinbarkeit von Beruf und Familie.
21 % der Kinder in den Kindergärten (ab 3) haben einen Migrationshintergrund und 12,2 % bringen Deutsch als Zweitsprache mit. Das heißt konkret, wir haben in Niedersachsen ca. 230.000 Kinder in den Kindergärten, davon ca. 49.000 mit Migrationshintergrund und davon etwas weniger als die Hälfte Kinder mit Deutsch als Zweitsprache.
Hier werden Bildungserfordernisse, aber auch mit Blick auf die Gesamtzahl,  Bildungspotenziale deutlich. Niedersachsen hat mit seinem für die Frühkindliche Bildung entwickelten Orientierungsplan und dem Landesprogramm „Das letzte Kindergartenjahr als Brückenjahr zur Grundschule“, Rahmenbedingungen und Projektangebote für eine Verbesserung der Bildungsqualität geschaffen. Auf wissenschaftlicher Ebene wurde das NifBe, das Niedersächsische Institut für frühkindliche Bildung und Entwicklung gegründet und relativ großzügig finanziert. Vom Nifbe aus wird ein Netzwerk zwischen Forschung und Praxis entwickelt. Etliche Initiativen, Projekte, Forschungsprogramme zeigen eine enorme Entwicklungsdynamik im Bereich der Frühkindlichen Bildung in ganz Deutschland. Auch wir an der Hochschule haben auf die wachsenden Anforderungen mit der Einrichtung einer Professur für Frühpädagogik reagiert sowie der Entwicklung eines Weiterbildungsangebotes für Erzieherinnen, die in der Region von den Städten Vechta und Lohne unterstützt wird.
Das Ziel all dieser Aktivitäten ist die pädagogische Qualität der Einrichtungen zu verbessern, von der der Erfolg der frühkindlichen Bildung, Betreuung und Erziehung abhängt. Die logische Konsequenz und durch die Erfahrungen aus vielen Projekten muss, meines Erachtens, der Schritt in die Akademisierung der Erzieherinnenausbildung sein und damit eine Aufwertung auch des Berufsbildes der Erzieherinnen, wie dies in unseren Nachbarländern weitgehend der Fall ist.
An unserer Arbeitsstelle für Frühpädagogik haben Befragungen von Erzieherinnen deutlich gezeigt, dass ein großes Interesse an wissenschaftlich fundierter Weiterbildung besteht. Die Qualifizierung des Personals muss jedoch weitgehend auf Eigeninitiative der Erzieherinnen erfolgen sowie Zeit und Geld persönlich investiertwerden ohne eine nachhaltige, finanzielle Honorierung dieses Einsatzes. Denn es stehen keine öffentlichen Mittel für Fortbildungen (vom Kultusministerium) zur Verfügung und Maßnahmen zur Qualitätsüberprüfung der Einrichtungen sind im Rahmen des Orientierungsplans nicht vorgesehen. Hier zeigtsich aus meiner Sicht Handlungsbedarf, der über die Förderung einzelner Projekte hinausgeht.
Über das Projekt Brückenjahr werden Sie im Rahmen eines Ihrer Workshops noch ausführlich diskutieren. Mit dem Brückenjahr sind wir dann in der Schule. Auch hier gilt, eine gute pädagogische Qualität hängt maßgeblich an der Qualität der Lehrer und Lehrerinnen. Damit sind die Hochschulen gefragt, die in der Lehramtsausbildung tätig sind. Mit der Integration der früheren Pädagogischen Hochschulen in die Universitäten wurde die Lehramtsausbildung lange Jahre zum ‚Stiefkind’ der universitären Ausbildungsangebote. Die Fachwissenschaftliche Ausbildung stand im Vordergrund, pädagogische Qualifikationen waren eher Beiwerk. Dies hat sich in den letzten Jahren deutlich geändert und hieran muss weiter gearbeitet werden. Wir an der Uni Vechta haben als eine der ersten Universitäten in Niedersachsen die Lehramtsausbildung auf die Bachelor-/ Masterstruktur umgestellt. Gerade gesternerst haben wir 140 Master of Education Absolventen und Absolventinnen in den Referendardienst entlassen. Die Umstellung bot die Chance, die fachliche Ausbildung weitgehend in den Bachelor zu verlagern und im Master die pädagogisch-didaktischen Inhalte zu stärken. Allerdings besteht hier im Grund-,Haupt- und Realschulbereich Nachbesserungsbedarf mit Blick auf die Studienzeiten. So war man bei der Einführung des Masters der Ansicht, eine Grund- und Hauptschullehrerin braucht nur ein zweisemestriges Studium zur Ausbildung ihrer pädagogischen Kompetenzen, eine Gymnasiallehrerin dagegen vier Semester. Dies ist mittlerweile von der Politik als Fehler erkannt worden und die Landesregierung hat einen Entschließungsantrag vor wenigen Wochen in den Landtag eingebracht die Studienzeiten mit vier Semestern zu vereinheitlichen. Ich kann nur an Sie, die Sie politisch Einfluss nehmen und hierüber eventuell mitentscheiden werden, appellieren, diesen Vorschlag zu unterstützen, im Interesse einer qualitativen Verbesserung der Lehrerausbildung und damit der Schulqualität, auch wenn dies natürlich eine finanzielle Herausforderung mit Blick auf die Besoldungsstruktur in der Zukunft darstellenwird.
Schauen wir auf denÜbergang von der Schule in Beruf und Hochschule.
Aufgrund des ausgebauten Systems allgemein bildender und beruflicher Bildungsgänge ist der Anteil der Bevölkerung, die mindestens über einen Abschluss im Sekundarbereich II verfügt, mit 84 % in Deutschland gegenüber dem OECD Durchschnitt von 70 % sehr hoch. Bei den Hochschulabschlüssen liegt Deutschland mit 16 % unter den Internationalen Vergleichswerten (OECD 20%). DieStudienanfängerquote ist in den vergangenen Jahren dagegen deutlich gestiegen und liegt jetzt mit 39,3 % eines Altersjahrgangs knapp unter der politischen Zielvergabe von 40 %.

Eine Stärke des deutschen Bildungssystems liegt im System der dualen Berufsausbildung. 60 % der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter weist mindestens einen Abschluss im Sekundarbereich auf, 24 % im Tertiärbereich, das heißt sie haben Hochschul-, Fachschul- und Meisterabschlüsse. Dies entspricht im Tertiärbereich in Europa dem Durchschnitt. Relativ hohe Quoten weist Deutschland bei Doppelqualifikationen, wie zum Beispiel Abitur und beruflicher Abschluss auf. Der arbeitsmarktpolitisch besonders problematische Anteil von Personen ohne beruflichen oder höheren Schulabschluss liegt in Deutschland mit 16 % nur etwa bei der Hälfte des OECD Durchschnitts. Also zunächst einmal eine vergleichsweise positive Bilanz.
Allerdings sind knapp 8 %, in absoluten Zahlen 76.000 der 15- bis 17jährigen, Schulabbrecher, also ohne Schulabschluss, davon allerdings ca. die Hälfte von Förderschulen. Die Schulabbrecherquote bei Schülern mit Migrationshintergrund, insbesondere bei Jungen, liegt deutlich über 20 %.

Jeder junge Mensch ohne schulischen oder beruflichen Abschluss ist zuviel. Talente und Begabungsreserven zu verliergen, können wir uns auch bei dieser Gruppe können wir uns nicht leisten.
DerÜbergang in die Berufsaubildung erweist sich für einen steigenden Anteil Jugendlicher als zunehmend schwieriger. Hier spielen natürlich auch die steigenden Schulabgängerzahlen, Stichwort Konkurrenz, und von Unternehmen vielfach beklagte Probleme mit der Ausbildungsreife, Stichwort Schulqualität, eine Rolle. Jugendliche mit mittlerem Abschluss und Abitur besetzen die Ausbildungsplätze. Für Jugendliche ohne Abschluss oder mit Hauptschulabschluss wird es immer schwieriger einen Ausbildungsplatz zu finden. Nebenbei bemerkt wird sich diese Situation noch verstärken mit Blick auf die doppelten Abiturjahrgänge, wenn es nicht gelingt die 275.000 zu erwartenden zusätzlichen Studienanfänger mit einem entsprechenden Studienangebot zu versorgen. Insofern hoffe ich, dass der Finanzierungsvorbehalt, unter dem der Hochschulpakt 2020 noch steht, nicht zur Geltung kommt.

Wir brauchen noch mehr berufsvorbereitende Angebote, in denen sich die Verlierer des Schulsystems, vor allem Jungen und hier besonders mit Migrationshintergrund, konzentrieren.
Mit Blick auf die Ziele der Höherqualifizierung braucht das System der beruflichen Bildung strukturelle Reformen, die die Anschlussfähigkeit erhöhen, zum Beispiel durch mehrstufige Ausbildungsgänge für unterschiedliche Qualifikationsniveaus, Betriebspraktika oder Produktionsschulen, mit denen Jugendliche, die vom schulischen Lernen sonst nicht mehr erreicht werden, arbeitsmarktnah qualifiziert werden.
Über die Modularisierung von Ausbildungsgängen mit Orientierung auf das Erreichen eines bestimmten Kompetenzniveaus kann, zum Beispiel, eine Differenzierung der Ausbildungsdauer ermöglicht werden. Hier sind Wirtschaft, Kammern, Schulen und Berufsschulen gefordert, strukturelle Reformen in diese Richtung weiter anzustoßen und unabhängig vom jeweiligen institutionellen Eigeninteresse gemeinsame Konzepte zu entwickeln. Auch für die berufliche Ausbildung ist damit eine Orientierung an Ausbildungsergebnissen weniger an der Ausbildungsdauer erforderlich.
Für Schulen und insbesondere Hochschulen ist mit der Orientierung auf Bildungsstandards und Kompetenzen im Schul- und Hochschulbereich schon von KMK und auch inzwischen von der Europäischen Union ein Qualifikationsrahmen vorgegeben. Ein wichtiger Schritt in Richtung Anschlussfähigkeit, Erleichternvon Übergängen und damit Mobilität. Die geforderten fachlichen und sozialen Kompetenzen werden hier für verschiedene Niveaustufen vorgegeben.
Dies in konkrete Ausbildungsinhalte umzusetzen, Lern- und Ausbildungsergebnisse zu definieren und konkret zu benennen und auch Anerkennungsverfahren von schulischen oder beruflichen Abschlüssen daraus zu generieren, stellt eine Riesenaufgabe für alle Bildungsträger dar.
Wir haben diese Erfahrungen an den Hochschulen im Rahmen des Bolognaprozesses gemacht und sind damit auch noch nicht fertig. Wir waren gefordert, die Studiengänge in Module zu strukturieren, an deren Ende das Erreichen von bestimmten Kompetenzniveaus stehen muss, die zum Beispiel beim Wechsel einer Hochschule oder einem Auslandsaufenthalt, Grundlage für die Anerkennung bilden sollen. Dass dies noch nicht ganz so funktioniert hat, wie geplant, ist bekannt. Die Hochschulen sind jetzt gefordert, die Bachelor- und Master-Studiengänge noch einmal nachzujustieren und das wird auch gelingen.
Das Prinzip der Modularisierung und mit dem Blick auf Kernkompetenzen ist der richtige Ansatz, gerade wenn wir weiter schauen in unserem berufsbiografischen Gang durch einzelne Lebensphasen.
Modularisierung und Orientierung an Kompetenzen bietet eine Grundlage für das Projekt Lebenslanges Lernen. Auch die Bachelor- und Master-Struktur ist am Lebenslangen Lernen im Prinzip ausgerichtet. Dieses Studienmodell sieht einen ersten berufsqualifizierenden Abschluss Bachelor vor, dann den Übergang in den Beruf und dann eventuell. später die Aufnahme eines Masters. Das heißt, wir müssen sehr viel mehr Masterangebote oder einzelne Modulangebote berufsbegleitend, im Sinne der Fort- und Weiterbildung entwickeln und zeitlich flexibel anbieten.
Weiterbildung ist eine der Kernaufgaben der Hochschulen. Wir haben zugegebenermaßen Schwierigkeiten in unserem öffentlich-tarifrechtlichen System, Weiterbildung personell und von der Organisation her flexibel, den Anforderungen von Berufstätigen oder Wiedereinsteigerinnen entsprechend, zu gestalten. Wir brauchen hier sehr viel mehr Flexibilität und auch für den Anschub Ressourcen, um zum Beispiel voll ausgelastete Lehrende zu motivieren, zusätzlich an Abenden oder Wochenenden Weiterbildung anzubieten.

In der Perspektive bietet Fort- und Weiterbildung für die Hochschulen die Chance, sich auch für die Zeiten nach den doppelten Abiturjahrgängen, mit zu erwartenden sinkenden Studierendenzahlen, weiterhin stabil zu entwickeln. Deshalb arbeiten alle Hochschulen, auch die Hochschule Vechta an entsprechenden Konzepten, um uns für die Zukunft zu rüsten. Wir werden uns öffnen müssen für neue Zielgruppen, auch ohne eigentliche Hochschulzugangsberechtigung, im Sinne einer Offenen Hochschule. Dieses Konzept, das ja auch von der niedersächsischen Landesregierung auf den Weg gebracht wurde und an einigen Hochschulen finanziell gefördert wird, birgt viel versprechende Perspektiven für die Zukunft. Auch hier wird uns der Blick auf die Kompetenzen und Qualifikationsniveaus eher helfen, als auf die formalen Abschlüsse.

Am Ende der Berufsbiografie sind wir bei denälter werdenden und alten Menschen. Vor dem Hintergrund der Alterung auch in den Betrieben wächst natürlich der Bedarf an Fort- und Weiterbildung, an Gesundheitsvorsorge und altersgerechter Arbeitsplatzgestaltung. Viele Betriebe haben dies bereits erkannt. An unserem Lehrstuhl Altern und Arbeit angesiedelt in der Gerontologie, wird derzeit zum Beispiel ein Qualitätssiegel Alternsmanagement zusammen mit ausgewählten Unternehmen entwickelt. Inwieweit Lernprozesse den Alterungsprozess verzögern helfen oder sogar bei Erkrankungen stabilisieren helfen, ist eine Fragestellung aus der Musikgeragogik. Hier wird in einem Forschungsprojekt der Einfluss von musikalischem Lernen auf den Alterungsprozess untersucht. Nur zwei Beispiele aus dem umfassenden Themenkreis Bildung – Altern, mit dem wir uns im Zuge der demografischen Entwicklung praxisnah und wissenschaftlich fundiert zwangsläufig weiter beschäftigen müssen. 


Lassen Sie mich zum Schluss unserer Tour durch Bildung im Lebenslauf noch einmal zusammenfassend betonen:
Wir sollten Bildung nicht nur als Herausforderung, alsökonomische Notwendigkeit, sondern als Chance für uns alle und natürlich für unsere Kinder begreifen. Inhaltliches, intelligentes Wissen, die Fähigkeit zur Wissensanwendung bedeutet ja auch der Erwerb von sozialen und personalen Kompetenzen, wie Toleranz, sozialem und demokratischem Verstehen und Bewusstsein. Für eine qualitätsorientierte Bildungsoffensive müssen die Lernzeiten in verschiedenen Altersstufen stärker aufeinander aufbauen bzw. abgestimmt werden. Dies bedeutet gleichzeitig eine bessere Verzahnung der verschiedenen Bildungsbereiche in ihren konkreten Zielen und Bildungsaufträgen und damit Offenheit für Kooperation untereinander und zwischen Praxis und Theorie. Die Erkenntnisse sind vielfach da und die Umsetzung erfordert nicht nur die Bereitschaft zum Umdenken und das Engagement, denn dies ist in allen Bildungsstufen erkennbar vorhanden, sondern auch angemessene finanzielle und strukturelle Rahmenbedingungen.


Prof. Dr. Marianne Assenmacher
- Präsidentin der Hochschule Vechta -